Jäger haben viel mehr Aufgaben als einfach nur zu schießen - Warum Jagd mehr ist als Schießen
Foto und Text: Philipp Koch, Klasse 9a, Gymnasium Bammental
Es ist Dienstagabend, kurz vor halb acht. Die Luft riecht nach nassem Laub, als Thomas die steile Straße hinaufläuft, die zum Kursraum der Heidelberger Jägervereinigung führt – oberhalb des Heidelberger Schlosses, weit weg vom Schulalltag. Mit 15 Jahren ist er der Jüngste im Raum. Während die meisten Jugendlichen den Abend auf dem Sofa verbringen, macht er sich zweimal pro Woche auf diesen Weg. Thomas will Jäger werden.
Die Schulungsräume riechen nach altem Holz. An den Wänden hängen Bilder verschiedener Geweihe, auf den Tischen stehen Tierpräparate und an der Tafel wechseln sich Zeichnungen zu Waldökologie, Jagdrecht und Waffenkunde ab. Der Unterricht dauert zweieinhalb Stunden und verlangt volle Konzentration. Weil dieses Wissen so umfangreich ist, wird der Jagdschein nicht ohne Grund als „grünes Abitur“ bezeichnet – nach acht Monaten muss Thomas schriftlich, mündlich, praktisch und auf dem Schießstand bestehen.
„Viele denken, Jäger schießen einfach nur. Aber das stimmt überhaupt nicht“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Das Schießen ist nur ein kleiner Teil. Man lernt unglaublich viel – nicht nur über Wälder und Tiere, sondern auch über Verantwortung.“ Besonders wichtig ist Thomas der nachhaltige Gedanke hinter der Jagd. Wildfleisch sei etwas völlig anderes als Supermarktware. „Man weiß, wo es herkommt und dass es nicht aus industrieller Tierhaltung stammt“, betont er. Mit 15 Jahren ist er der jüngste Kursteilnehmer – ein früherer Einstieg wäre laut Bundesjagdgesetz ohnehin nicht möglich gewesen.
Am Wochenende wird der Unterricht lebendig. Samstags früh, wenn Nebel träge über den Wiesen hängt und die Luft nach feuchter Erde riecht, trifft Thomas sich mit seinem Kursleiter zum Reviergang. Unter seinen Füßen knacken Äste, irgendwo über ihm ruft ein Vogel. Gemeinsam lesen sie die Landschaft, beobachten Tierspuren, lernen, eine Umgebung mit ganz anderen Augen zu sehen. Der Kursleiter streut dabei beiläufig Prüfungsfragen ein. „Man lernt, wie wichtig jedes Tier in unserer Natur ist“, sagt Thomas ruhig, den Blick kurz in die Baumkronen gerichtet. „Und dass man als Jäger Verantwortung übernehmen muss.“
Zum Schießtraining tritt Thomas ruhig und aufrecht an den Stand. Keine Aufregung, kein Imponiergehabe. Die Waffe in seinen Händen ist weder Abenteuer noch Statussymbol – das merkt man sofort. „Man trägt damit Verantwortung gegenüber sich selbst und gegenüber allen Menschen in seiner Umgebung“, sagt er – und man glaubt ihm das sofort. Jeden Handgriff an der Waffe hat er so oft geübt, dass er ihn im Schlaf beherrscht. Wer sicher mit einer Waffe umgehen will, muss sie wirklich beherrschen – nicht ungefähr, sondern vollständig. Sicherheit steht hier über allem, das spürt man in jeder seiner Bewegungen.
Wer Thomas zuhört, merkt schnell: Das hier ist weit mehr als ein Freizeitvergnügen. Diese Leidenschaft hat er von seinem Vater geerbt. Schon früh durfte er mit ihm auf den Hochsitz und ins Revier. „Mein Vater hat mir schon viel über die Jagd beigebracht und unterstützt mich während meiner Ausbildung zum Jäger als zuverlässiger Mentor tatkräftig“, sagt er lächelnd. Die Augenblicke, in denen Thomas mit ihm auf der Jagd ist, sind besonders. Kein Lärm, keine Stimmen, nur das leise Rascheln der Blätter und hier und da ein Tiergeräusch. Die Zeit scheint für einen Moment lang still zu stehen. Wenn er zusammen mit seinem Vater auf dem Hochsitz ist, fernab von Stress und Alltag, dann weiß er genau, warum er das alles auf sich nimmt. Bis zu seiner Prüfung läuft sein Leben zwischen Schulbank und Hochsitz.
